Die verlorene Bibliothek

Projektbeschreibung


Seit 2007 arbeitet der deutsche Künstler Hannes Möller an seinem Bibliotheken-Projekt. In der Schweiz, in Frankreich, England, Belgien und Deutschland besuchte er Archive berühmter und weniger bekannter Bibliotheken.

Möllers Interesse an den Büchern ist kein historisches oder wissenschaftliches. Seine künstlerische Aufmerksamkeit gilt der faszinierend einfachen Erfindung des (Kunst-)Objekts Buch: Zu einem Block gebundene, beschriebene oder bedruckte Seiten liegen geschützt zwischen zwei Buchdeckeln, verbunden und gehalten durch einen Buchrücken. Häufig deutlich sichtbare Gebrauchsspuren wie abgeschabte Stellen, Risse, Kratzer, Flecken oder fehlende Einbandteile weisen auf eine vielfältige, teils jahrhundertelange Nutzung hin.

Bei einem Besuch im Zisterzienserkloster Eberbach im Rheingau wurde Möller auf die Geschichte der Bibliothek aufmerksam. Über mehrere Jahrhunderte wurde hier kontinuierlich eine wertvolle Sammlung von Handschriften – viele im eigenen Skriptorium entstanden – und Inkunabeln aufgebaut. Diese wurde während des Dreißigjährigen Krieges durch plündernde Truppen zerstört und ihre Bücher in alle Winde zerstreut. Der überwiegende Teil der Handschriften gelangte gegen Ende des 17. Jahrhundert nach England und befindet sich heute in der Bodleian Library (Oxford) und in der British Library (London). Aber auch in den Archiven einiger deutscher Bibliotheken finden sich Bände aus der Eberbacher Klosterbibliothek.

Mit Hilfe eines Handschriftenverzeichnisses, das der Oxforder Mediävist Nigel F. Palmer in den 1990er Jahren erstellte und in dem Buch „Zisterzienser und ihre Bücher“ veröffentlichte, machte sich Möller auf die Reise zu den Büchern. Durch die Unterstützung engagierter Bibliothekare wurde es möglich, Fotografien von über zweihundert Buchrücken und –schnitten zu erstellen. Aus diesem Fundus wählte Möller nach künstlerischen Kriterien einhundert Motive aus und übersetzte sie im Maßstab 1:1 in Aquarell-Gouache-Malerei.

Nach über dreijähriger Arbeit konnte der Künstler das Projekt im Januar 2012 abschließen. Im Herbst 2013 wurde das hundertteilige Werk erstmals am Ursprungsort der Bücher – dem Kloster Eberbach im Rheingau – der Öffentlichkeit vorgestellt. Somit entstand nach über zweihundert Jahren wieder eine Eberbacher Bibliothek, eine neue – eine imaginäre – Bibliothek.