Solitaire-Reihe

In verschwiegenen Winkeln, vernachlässigten, staubigen Ecken oder hinter Absperrseilen entdecke ich auf meinen Reisen durch Bibliotheken und Archive immer wieder Bücher, die durch Außergewöhnliches auf sich aufmerksam machen. Sei es die Fragilität eines Koperteinbandes, der Brandschaden eines Buchrückens, ein zerrissener, leuchtend roter Seideneinband oder ein Buchschnitt, dessen Schleifen den Inhalt hermetisch verschließen.

Eine erste Entdeckung machte ich im März 2009 in der Humanisten-Bibliothek im elsässischen Sélestat. Ziemlich versteckt in einem der hinteren Regale in der untersten Reihe, flach von der Mittagssonne angestrahlt und eingepfercht zwischen anderen Folianten, stand ein ganz besonderes Buch. Durch das lange Stehen im Regal hatte es sich gebogen und verzogen. Ein Buchdeckel war schon abgelöst. Die Bünde, an einer Seite abgerissen, hingen herunter, der Buchblock gespalten, der Einbandrest nur noch ein kleiner, hellblaugrüner Lederfetzen. Der Buchrücken wie abgeschält, wirkte wie Baumrinde. Hätte man dieses Buch aus dem Regal herausgenommen, es wäre ohne seine stützenden Nachbarn vollends auseinander gebrochen. In diesem Moment entstand die Idee, das ungewöhnliche Buch quasi aus seiner Umgebung herauszulösen und es mit künstlerischen Mitteln überdimensional darzustellen.

Einige Wochen später war das erste mannshohe Gemälde fertiggestellt. Durch die Vergrößerung werden Details wie Beschädigungen, Flecken, Risse oder Gestaltung der Signaturen sichtbar und machen die Einzigartigkeit des gemalten Objekts deutlich. Diese Einzigartigkeit ist auch namengebend für einen ganzen Bilderzyklus, den ich im Laufe der nächsten Jahre entwickelte: „Solitaire-Reihe“. In der Folgezeit machte ich immer wieder in vielen deutschen und europäischen Bibliotheken -von St. Gallen über Weimar bis Oxford- spannende Entdeckungen.

Das Werk „Solitaire – Bibliothek Leuven 1914“ entstand im Jahr 2014 und stellt einen direkten Bezug zu dem großen, am 25. August 1914 von deutschen Truppen entfachten Brand dieser belgischen Universitätsbibliothek dar. Eines der verkohlten Bücher, von denen sich heute nur noch wenige in Leuven befinden, diente als Grundlage für meine Arbeit. Neben Aquarell- und Gouachefarben habe ich hier zusätzlich Rußpigmente verwendet. Mit ihnen lässt sich einerseits ein besonders tiefes Schwarz erzeugen, andererseits ist der Ruß auch das verbindende Element zwischen dem verbrannten realen Buch und dem gemalten imaginären Buch. Die Papierseiten sind zu Asche und Ruß verbrannt, und Ruß wiederum diente mir als Farbstoff für die Darstellung der verbrannten Papierseiten.