Brandbücher | Aschebücher

Auszüge aus der Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung Brandbücher | Aschebücher am 9.10.2018 im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Prolog
Neun oder zehn Jahre war ich alt, als ich eines Nachts durch das Heulen von Sirenen geweckt wurde. Die nahegelegene Möbelfabrik stand in Flammen. Das lodernde Feuer und der Rauch waren vor dem schwarzen Himmel kilometerweit zu sehen. Noch Tage später lag über dem ganzen Dorf ätzender Brandgeruch.
Am Tag danach schlich ich mich nach der Schule zur Brandstelle. In der noch warmen Asche fand ich einen verzierten Messing-Schlüssel. Der war zwar durch die Hitze verformt und unbrauchbar; aber diese gold, grün und kupfer changierenden Farben des verglühten Metalls faszinierten mich. Ich steckte meine „Beute“ ein und vergrub sie zuhause in der hintersten Ecke meiner Krimskrams-Schublade.

Bibliotheksbrand 2004
Der verheerende Weimarer Bibliotheksbrand fand für mich in der Tagesschau statt. Die Berichte darüber verfolgte ich auf einem alten Röhrenfernseher im Wohnzimmer. Aus sicherer Entfernung. Hier gab es weder Gluthitze noch Qualm, kein Löschwasser, keinen Gestank; auch keine einstürzenden Dachbalken. Nichts! Ein Erleben aus dritter Hand, verkleinert auf 55 cm Bildschirmdiagonale.

Aschebücher-Begegnung
Die erste wirkliche Begegnung mit den Folgen des Brandes hatte ich 2010 in der Carlsmühle. In diesem Archiv der verbrannten Bücher war der Brandgeruch noch immer so stark, als wäre eben erst das Feuer gelöscht worden. Dabei war die Herzogin Anna Amalia Bibliothek längst wieder aufgebaut; Bestandsaufnahme, Restaurierung und Wiederbeschaffung der Bücher in vollem Gange. Auch als ich drei Jahre später mit einem ARTE-Team zurückkehrte, das einen Film über meine Brand- und Aschebücher drehte, waberte es noch immer brenzlig durch die Räume.

Arbeitsweise – fotografieren
Meine Entdeckungen fotografiere ich mit einer Spiegelreflexkamera digital und hoch aufgelöst. Mal erreiche ich die Objekte der Begierde nur mit hochgeschraubtem Stativ, mal auf dem Boden kauernd, kniend oder liegend.

Zwischen mir und dem Buch steht immer die Kamera. Sie ist das digitale Gedächtnis, das die oft viel zu kurzen Eindrücke vor Ort speichert. Sie ermöglicht es mir, selbst fragile Exponate unversehrt ins Atelier zu schaffen. Sie überbrückt räumliche und zeitliche Distanzen.

Wenn Sie sich fragen, wieso ich nicht gleich Fotos ausstelle, gibt es darauf eine einfache Antwort: Weil ich Maler bin. Die Kamera ist für mich nur ein Hilfsmittel. Der Prozess des kreativen Schaffens mit Augen, Händen und Werkzeugen ist essenziell für meine Arbeit. Nur so kann ich mich dem Motiv wirklich annähern, es wirklich erfassen und ein Teil von ihm werden.
Arbeitsweise – malen
Der erste Schritt zum Bild ist immer die sehr detaillierte Vorzeichnung, der Bildträger ein schweres, französisches Bütten. Es folgt das Anlegen der Farben. Schicht um Schicht arbeite ich die Details heraus. Zum Schluss – wenn nötig – noch ein paar Weißhöhungen, um die Plastizität zu steigern, den Hintergrund anlegen, ein wenig Firnis aufsprühen und fertig. Mehr ist es nicht – im Prinzip. So gehe ich auch bei den Brandbüchern vor. Bei den Aschebüchern sieht das etwas anders aus – aber dazu später mehr.

Weimar
Ich erinnere mich gut an meinen ersten Besuch vor acht Jahren im Rokokosaal. Ich durchstreifte die Reihen, schaute mich nach Besonderheiten um; entdeckte auf einer Regalrückseite mehrere leuchtend rote Buchschnitte, offene Buchrücken mit türkisfarbenen Deckeln. Auch eine Folianten-Reihe in weißen Kalbsledereinbänden, die offenbar in früheren Zeiten mal schwungvoll ein Tintenfass abbekommen hatte. Aber irgendwie hatte ich erwartet, hier mehr von der Brand-Katastrophe zu spüren. Für mich war sie so gut wie nicht wahrnehmbar. Warum hatten die Bücher hier keine Brandspuren? Waren sie noch rechtzeitig gerettet, schon restauriert oder längst durch andere ersetzt worden?

Solche Fragen stellten sich in der Carlsmühle nicht. Hier lagerten sie, die versehrten Exemplare. Auf meterlangen Regalen standen nebeneinander aufgereiht die „Brandbücher“. Sie alle hatten unter der Hitze des Feuers gelitten, waren im Löschwasser gekocht worden, waren aufgequollen, verformt, zerrissen. Geschmolzene Pergamenteinbände, geplatzte Lederrücken. Mit Flammenzeichnung auf dem Buchblock oder honigfarben mit fleckigen, schwarzen Brandresten. Einige umwickelt mit Mullbinden zum Schutz vor dem Auseinanderfallen. Grüne, weiße, rote Zettel, die aus den Büchern sprießen wie junge Pflanzentriebe. Viele lädierte Exemplare, aber: ihr Inhalt hatte überlebt.
Ganz anders die „Aschebücher“. … Jedes Mal, wenn ein Mitarbeiter einen dieser Kartons öffnete und das schützende Papier vorsichtig entfernte, war unklar, was da zum Vorschein kommen würde; wieviel Buch überhaupt noch übrig war. Diese Bücher waren dem Feuer direkt ausgesetzt gewesen, als es sich vom Dachboden die Galerie herunterfraß: Viele zu verkohlten Brocken völlig verbrannt, einige verkrümmt, andere aufbäumend, wieder andere aufgebrochen. Man fühlt sich an verglühtes Holz oder Baumrinde erinnert. Es ist, als wäre das Feuer noch immer in den Büchern.

Arbeitsweise Aschebücher
Ich lege also zunächst die Vorzeichnung an, komponiere dann das Bild durch; Schicht für Schicht trage ich die Farben auf, mal lasierend, mal deckend, Aquarell und Gouache vermischt. In allen Schattierungen zwischen schwarz und weiß. Ich verwende bis zu sechs verschiedene Schwarz- und Grautöne, dazu Rußpigmente, auch Kohle und Asche der verbrannten Bücher. Farbspritzer und -flecken erzeugen Dynamik, unterstreichen die Auflösung. Das Weiß der hellen, verglühten Partien, spare ich aus, verwende hierfür keine Farbe, lasse einfach das Papier durchscheinen. Ockerorange bis schwarzbraun schimmert dieses hybride Material zwischen Papier und Asche, für das ich keine Bezeichnung kenne. Die Aschebrösel, die Restauratorinnen für mich gesammelt haben, zerreibe ich und vermale sie wie Farbpigmente. Oder ich collagiere kleine und größere Papier- und Ascheteile – manche mit noch lesbarem Text – in die Malerei. Diese Fragmente, integriert in meine Bilder, stellen eine direkte Verbindung zwischen Originalbuch und Abbild her, sie schaffen größtmögliche Authentizität.
Oft aber ist diese Asche so porös, dass sie sich an manchen Stellen vom Bild wieder ablöst, herunterrieselt und sich im Rahmen sammelt. Dieses mehr oder weniger zufällig entstandene Phänomen nehme ich gerne in Kauf. Denn durch diesen „Zerfall“ der Bilder gelingt es, mit den Mitteln der Kunst den Zerfall der Aschebücher sichtbar zu machen.

Vielen Dank!